»Beziehungsangst in 30 Sekunden« – Warum Vermeider mehr sind als die Bösewichte in Reels

Scroll durch ein paar Reels auf Insta­gram oder Tik­Tok, gib »Bin­dungs­angst« oder »Avo­id­ant Attach­ment« ein – und du wirst schnell fündig: 

»Er ghos­tet dich, weil er sich nie bin­den will!«
»Sie liebt dich nicht, sie liebt ihre Frei­heit!«
»Ver­mei­der zer­stö­ren dich emotional!«

Die Bild­spra­che ist klar: Der Ver­mei­der – meist männ­lich codiert – ist kalt, abwei­send, mani­pu­la­tiv. Die Bot­schaft: Renn, solan­ge du kannst.

Was sel­ten the­ma­ti­siert wird: die inne­re Welt der ver­mei­den­den Per­son. Was, wenn das ver­meint­lich Kal­te eigent­lich Schutz ist? Was, wenn das Schwei­gen weni­ger ein Macht­spiel ist – als ein inne­rer Alarm­zu­stand, der Nähe mit Gefahr verwechselt?


Was macht einen Menschen zum Vermeider?

Ver­mei­den­de Bin­dungs­ty­pen ent­ste­hen oft dort, wo emo­tio­na­le Nähe in der Kind­heit ambi­va­lent oder gar bedroh­lich war. Wenn Für­sor­ge nicht kon­stant war, wenn das Kind mit sei­nen Gefüh­len allein blieb, wenn Rück­zug der Eltern mit Schwei­gen bestraft wur­de oder das Kind sich als »zu viel« emp­fand, ent­steht ein inne­res Mus­ter: Wenn ich mich zu sehr zei­ge, wer­de ich zurück­ge­wie­sen.

Die logische Schlussfolgerung: Nähe meiden, um Schmerz zu vermeiden.

Ver­mei­der ler­nen, Selbst­re­gu­la­ti­on nicht im Gegen­über zu fin­den, son­dern im Rück­zug. Bezie­hun­gen erle­ben sie als Her­aus­for­de­rung: Nähe bedeu­tet, Kon­trol­le abzu­ge­ben. Und Kon­trol­le ist das, was Sicher­heit gibt – auch wenn sie teu­er erkauft ist.


Wie sieht ihre innere Welt aus?

Nach außen wir­ken ver­mei­den­de Men­schen oft ruhig, distan­ziert, ratio­nal. Sie ana­ly­sie­ren lie­ber, als zu füh­len. Doch innen herrscht häu­fig eine stil­le Über­for­de­rung: Das eige­ne emo­tio­na­le Sys­tem ist fein­jus­tiert auf Auto­no­mie, nicht auf Ko-Regulation. 

Das führt dazu, dass selbst harm­lo­se Situa­tio­nen (eine emo­tio­na­le Nach­fra­ge, eine Bit­te um Nähe) als Ein­drin­gen emp­fun­den wer­den. Dann greift das ver­trau­te Mus­ter: Rück­zug. Distanz. Und manch­mal auch ein abrup­tes Been­den der Bezie­hung – nicht aus Kalt­her­zig­keit, son­dern aus inne­rer Überwältigung.

Der Zugang zu die­ser Welt ist schwer, weil sie gut ver­tei­digt ist. Nicht aus Bos­heit, son­dern aus Schutz. Ver­mei­der muss­ten oft früh ler­nen, sich selbst zu genü­gen. Sie haben emo­tio­na­le Aut­ar­kie zur Über­le­bens­stra­te­gie gemacht.


Wo liegen mögliche Traumata?

Ver­mei­dung ist oft kein Cha­rak­ter­zug, son­dern eine Traumaantwort.

  • Mikro­trau­ma­ta wie emo­tio­na­le Ver­nach­läs­si­gung, chro­ni­sche Unsi­cher­heit, inkon­sis­ten­tes Ver­hal­ten der Bezugspersonen.
  • Loya­li­täts­kon­flik­te – z. B. wenn Nähe zu einem Eltern­teil bedeu­te­te, sich vom ande­ren zu entfernen.
  • Frü­he Ver­ant­wor­tungs­rol­len, die dem Kind signa­li­sier­ten: »Du darfst kei­ne Schwä­che zeigen.«

Die­se Erleb­nis­se füh­ren dazu, dass emo­tio­na­le Nähe mit Insta­bi­li­tät ver­knüpft wird. Der Rück­zug wird zur (schein­bar) sichers­ten Option.


Kann man Zugang finden?

Ja – aber nicht durch Druck. Ver­mei­der öff­nen sich nicht, wenn sie über­re­det wer­den. Sie öff­nen sich, wenn sie erle­ben, dass Nähe nicht gleich Über­griff bedeutet.

  • Lang­sam­keit, Ver­läss­lich­keit, Raum für Rück­zug, ohne Strafe.
  • Wert­freie Spra­che statt Dia­gno­se-Modus (»Du bist halt bindungsgestört«).
  • Selbst­re­fle­xi­on statt Dra­ma – auch als Partner*in.
Ein möglicher Schlüssel: Sicherheit über Zeit statt Intensität. 

Ver­mei­der brau­chen oft vie­le klei­ne Erfah­run­gen von: Ich kann in Ver­bin­dung blei­ben und trotz­dem ich selbst sein.


Was der Beitrag nicht tun will

Die­ser Text soll nicht roman­ti­sie­ren, was in Bezie­hun­gen weh­tut. Auch Ver­mei­dung kann zer­stö­re­risch sein – vor allem, wenn sie nie erkannt wird. Aber: Wer den Ver­mei­der nur als Täter sieht, über­sieht den ver­letz­ten Teil in ihm. 

Und wer sich selbst in die­sen Zei­len erkennt, darf sich fra­gen: Was muss­te ich tun, um damals zu über­le­ben – und was darf ich heu­te neu lernen?


Wei­ter­füh­rend:
Das The­ma Selbst­wert ist ein zen­tra­ler Aspekt in der Bin­dungs­dy­na­mik – beson­ders bei Ver­mei­dung. War­um Selbst­schutz nicht gleich Selbst­lie­be ist und wie man den Unter­schied erkennt, erfährst du in einem eige­nen Bei­trag bald hier.

PikBube
Datenschutz-Übersicht

Diese Website verwendet Cookies, damit wir dir die bestmögliche Benutzererfahrung bieten können. Cookie-Informationen werden in deinem Browser gespeichert und führen Funktionen aus, wie das Wiedererkennen von dir, wenn du auf unsere Website zurückkehrst, und hilft unserem Team zu verstehen, welche Abschnitte der Website für dich am interessantesten und nützlichsten sind.