„Komm her, aber geh bitte nicht so schnell!“ – der desorganisierte Bindungsstil

Es ist ein Bin­dungs­stil, der oft schwer greif­bar wirkt – für ande­re, aber auch für die Betrof­fe­nen selbst. Der Wunsch nach Nähe ist da. Die Sehn­sucht nach Sicher­heit auch. Und doch kippt die Dyna­mik immer wie­der ins Gegen­teil: Rück­zug, Zwei­fel, manch­mal sogar Misstrauen.

Men­schen mit einem des­or­ga­ni­sier­ten Bin­dungs­stil erle­ben Bezie­hun­gen als emo­tio­nal wider­sprüch­lich. Nähe bedeu­tet Gebor­gen­heit und gleich­zei­tig Gefahr. Das Bin­dungs­sys­tem steht unter Span­nung. Was gebraucht wird, wird gefürch­tet. Was ver­traut scheint, kann plötz­lich bedroh­lich wir­ken. Die Reak­tio­nen wir­ken wech­sel­haft – nicht, weil sie unent­schlos­sen sind, son­dern weil sie inner­lich zer­ris­sen sind.


Zwischen Wunsch und Rückzug

Typisch ist das Schwan­ken zwi­schen Anzie­hung und Flucht. Mal wird Nähe her­ge­stellt, fast inten­siv gesucht – dann wie­der der Kon­takt abge­bro­chen, abge­kühlt oder emo­tio­nal abge­schnit­ten.
Auf einen lie­be­vol­len Moment folgt nicht sel­ten ein skep­ti­scher Blick: »Was, wenn das nicht echt ist?«

Die inne­re Logik ist nicht wider­sprüch­lich, son­dern ambi­va­lent orga­ni­siert. Wer gelernt hat, dass Nähe gleich­zei­tig mit Ver­let­zung ver­bun­den sein kann, spei­chert bei­des gemein­sam ab: Zuwen­dung und Gefahr. Ver­traut­heit und Unberechenbarkeit.


Chaosherz

⚡ Nähe gut. Nähe gefähr­lich. Nähe weg. Nähe fehlt.

  • Bezie­hun­gen star­ten inten­siv – und enden abrupt oder rätselhaft.
  • Nähe löst Eupho­rie aus. Und dann Panik.
  • Rück­zug folgt oft direkt nach Verbindung.

Typisch:

»Ich weiß auch nicht, war­um ich so reagie­re.«
(Heißt in Wirk­lich­keit: »Ich habe nie gelernt, dass Nähe sicher ist.«)

Nicht unent­schlos­sen – nur inner­lich im Ausnahmezustand.


Wenn Bindung unberechenbar war

Der des­or­ga­ni­sier­te Stil hat meist sei­ne Wur­zeln in frü­hen Erfah­run­gen, die von star­ker Ambi­va­lenz oder sogar Trau­ma geprägt waren. Eltern oder Bezugs­per­so­nen waren viel­leicht lie­be­voll, aber gleich­zei­tig über­for­dernd, inkon­se­quent oder in bestimm­ten Momen­ten sogar bedrohlich.

Das Kind lernt: Nähe ist not­wen­dig, aber auch gefähr­lich. Es ent­wi­ckelt kei­nen kla­ren Bin­dungs­kom­pass, son­dern ein emo­tio­na­les Warn­sys­tem, das sich nie ganz abschal­ten lässt.


Was hilft – Schritt für Schritt

Der ers­te Schritt ist das Erken­nen: Nicht jede emo­tio­na­le Über­re­ak­ti­on ist »falsch«. Man­ches Ver­hal­ten war ein­mal über­le­bens­wich­tig. Heu­te darf es über­prüft werden.

Hilf­reich sind klei­ne, wie­der­hol­ba­re Erfah­run­gen von Ver­läss­lich­keit – sowohl mit sich selbst als auch mit ande­ren. Das kann hei­ßen: einen Plan machen und ein­hal­ten, über Gefüh­le spre­chen, auch wenn sie sich wider­sprüch­lich anfüh­len, und Bezie­hun­gen bewusst lang­sam angehen.

Auch the­ra­peu­ti­sche Beglei­tung ist hier oft beson­ders wert­voll – nicht, weil etwas »kaputt« ist, son­dern weil sich inne­re Sicher­heit manch­mal nur dann ent­wi­ckelt, wenn sie in Bezie­hung erlebt wird.


Bindung ist lernbar

Men­schen mit des­or­ga­ni­sier­tem Stil sind nicht zu kom­pli­ziert für Bezie­hun­gen – sie sind oft nur zu lan­ge ohne Sicher­heit gewe­sen. Ihre Stär­ke liegt in der Sen­si­bi­li­tät für Dyna­mi­ken, für Zwi­schen­tö­ne, für das, was unaus­ge­spro­chen mitschwingt.

Wenn Nähe nicht län­ger Gefahr bedeu­tet, son­dern Bezie­hung wer­den darf, ent­steht Raum für Ver­bin­dung – nicht trotz, son­dern gera­de wegen der emo­tio­na­len Tie­fe, die die­ser Stil mitbringt.


Titel­bild von: FREEP!K

PikBube
Datenschutz-Übersicht

Diese Website verwendet Cookies, damit wir dir die bestmögliche Benutzererfahrung bieten können. Cookie-Informationen werden in deinem Browser gespeichert und führen Funktionen aus, wie das Wiedererkennen von dir, wenn du auf unsere Website zurückkehrst, und hilft unserem Team zu verstehen, welche Abschnitte der Website für dich am interessantesten und nützlichsten sind.