Wenn die Karten widersprechen – welche hat denn nun recht?

Manch­mal könn­te man mei­nen, Tarot­kar­ten hät­ten sich vor einer Legung nicht abge­spro­chen. Da liegt zunächst eine aus­ge­spro­chen erfreu­li­che Kar­te auf dem Tisch. Dane­ben erscheint eine, bei der die Stim­mung schlag­ar­tig kippt. Son­ne und Neun der Schwer­ter. Na wun­der­bar. Was denn nun? Wird alles gut – oder lie­ge ich dem­nächst nachts wach und star­re ver­zwei­felt an die Zimmerdecke?

Die nahe­lie­gen­de Lösung wäre, bei­de Kar­ten ein­zeln nachzuschlagen:

Son­ne: Freu­de, Erfolg, Zuversicht.

Neun der Schwer­ter: Sor­gen, Ängs­te, Verzweiflung.

Damit ken­nen wir zwar die Bedeu­tun­gen bei­der Kar­ten. Was wir noch immer nicht wis­sen: Was sagen sie zusammen?

Und genau an die­ser Stel­le beginnt etwas, das beim Kar­ten­le­gen ent­schei­dend ist. Kar­ten lie­gen nicht ein­fach nur neben­ein­an­der. Sie tre­ten mit­ein­an­der in Beziehung.


Aus einem Wörterbuch werden sonst einfach zwei

Bei ein­zel­nen Tarot­kar­ten ist die Ver­su­chung groß, nach einer ein­deu­ti­gen Über­set­zung zu suchen. Sie­ben der Schwer­ter = Betrug. Zwei der Kel­che = Lie­be. Turm = Trennung.

Sobald meh­re­re Kar­ten auf dem Tisch lie­gen, stößt die­ses Ver­fah­ren aller­dings ziem­lich schnell an sei­ne Gren­zen. Man könn­te natür­lich nach einer Kom­bi­na­ti­ons­ta­bel­le suchen. Dann hät­ten wir unser Wör­ter­buch­pro­blem aller­dings nicht gelöst. Wir hät­ten ledig­lich ein wesent­lich dicke­res Wör­ter­buch dar­aus gemacht.

Eine Kar­ten­kom­bi­na­ti­on ent­steht nicht dadurch, dass wir zwei Stich­wor­te anein­an­der­kle­ben. Zunächst müs­sen bei­de Kar­ten in ihrer eige­nen Bedeu­tung ernst genom­men wer­den. Erst danach kön­nen wir fra­gen, wel­che Aus­sa­ge sich dar­aus ergibt, dass aus­ge­rech­net die­se bei­den Kar­ten aufeinanderfolgen.

Und die­ses Auf­ein­an­der­fol­gen ist wich­tig. Denn Tarot wird von links nach rechts gelesen.


Zwei der Kelche → Acht der Kelche: Aber da waren doch Gefühle?

Neh­men wir zwei Kar­ten, die wir bereits aus dem letz­ten Bei­trag ken­nen: Zwei der Kel­che → Acht der Kel­che.

Die Zwei der Kel­che bringt zwei Men­schen zusam­men. Sie kann von gegen­sei­ti­ger Anzie­hung, Ver­liebt­heit, Nähe oder einer Ver­söh­nung erzäh­len. Dann folgt die Acht der Kel­che: Nun ver­lässt jemand eine Situa­ti­on, die ihm kei­nes­wegs gleich­gül­tig ist. Die Kar­te ver­bin­det den Ent­schluss zu gehen gera­de mit der emo­tio­na­len Schwie­rig­keit, etwas Bedeut­sa­mes hin­ter sich zu lassen.

Was machen wir nun? Wir könn­ten ent­schei­den, dass eine Kar­te recht haben muss. Zwei der Kel­che: Da ist eine Ver­bin­dung. Acht der Kel­che: Jemand geht.

Unent­schie­den.

Oder wir lesen tat­säch­lich von links nach rechts: Ver­bin­dung → Abschied.

Plötz­lich gibt es gar kei­nen Wider­spruch mehr. Eine emo­tio­na­le Ver­bin­dung kann bestehen – und trotz­dem kann sich jemand ent­schei­den zu gehen. Viel­leicht macht gera­de die vor­aus­ge­hen­de Zwei der Kel­che ver­ständ­lich, wes­halb die Acht der Kel­che kein gleich­gül­ti­ges Davon­spa­zie­ren beschreibt. Die zwei­te Kar­te sagt also nicht: »Ver­giss die ers­te, die gilt nicht mehr.«

Sie erzählt weiter.


Eine Karte verändert die andere – aber nicht ihre Grundbedeutung

Das klingt zunächst wider­sprüch­lich. Neh­men wir einen ein­fa­chen Satz: »Er ging.« Wir ver­ste­hen, was pas­siert. Nun ergän­zen wir: »Wider­wil­lig ging er.« Das Gehen bleibt ein Gehen. Aber die zusätz­li­che Infor­ma­ti­on ver­än­dert, wie wir es verstehen.

So ähn­lich kön­nen auch Tarot­kar­ten mit­ein­an­der arbei­ten. Eine zwei­te Kar­te muss die Grund­be­deu­tung der ers­ten nicht auf­he­ben. Sie kann zei­gen, wohin sie führt, wodurch sie begrenzt wird, wor­auf sie sich bezieht oder in wel­chem Zusam­men­hang wir sie ver­ste­hen müs­sen. Des­halb reicht es nicht, jede Kar­te ein­zeln zu über­set­zen und anschlie­ßend zwei Bedeu­tun­gen nebeneinanderzustellen.

Irgend­wann müs­sen wir anfan­gen, Sät­ze zu lesen.


Sonne → Neun der Schwerter: Erst Licht, dann Nacht

Bei man­chen Kom­bi­na­tio­nen bleibt die Span­nung deut­li­cher bestehen.

Son­ne → Neun der Schwerter

Die Son­ne bringt Hel­lig­keit in eine Legung. Zu ihr gehö­ren Lebens­freu­de, Kraft, Opti­mis­mus, Erfolg, Wär­me und ein kla­re­rer Blick auf die Din­ge. Im Bezie­hungs­be­reich kann sie ein aus­ge­spro­chen beja­hen­des und herz­li­ches Mit­ein­an­der anzeigen.

Und danach folgt die Neun der Schwer­ter. Sie führt uns in eine völ­lig ande­re Atmo­sphä­re: krei­sen­de Sor­gen, Schuld­ge­füh­le, Angst, Selbst­zwei­fel und jene Gedan­ken, die nachts erheb­lich über­zeu­gen­der wir­ken als am nächs­ten Mor­gen. Dabei muss das, was uns bedrückt, nicht ein­mal in dem­sel­ben Maße tat­säch­lich bedroh­lich sein, wie wir es inner­lich erleben.

Das sieht tat­säch­lich nach einem Wider­spruch aus. Aber wir soll­ten jetzt nicht irgend­ei­ne Geschich­te erfin­den, nur damit bei­de Kar­ten hübsch zusam­men­pas­sen. Je nach Fra­ge könn­te sich eine zunächst erfreu­li­che Ent­wick­lung spä­ter in Sor­ge verwandeln.

Es könn­te etwas Posi­ti­ves vor­han­den sein, das jemand den­noch vol­ler Angst betrach­tet. Oder eine Klar­heit könn­te etwas sicht­bar machen, mit dem man sich anschlie­ßend erst ein­mal aus­ein­an­der­set­zen muss. Wel­che die­ser Mög­lich­kei­ten gemeint ist, kön­nen die bei­den Kar­ten ohne wei­te­ren Zusam­men­hang nicht ent­schei­den. Dafür brau­chen wir die Fra­ge, die Posi­tio­nen und gege­be­nen­falls wei­te­re Karten.

Und auch das gehört zum Kar­ten­le­sen: Nicht jede Lücke muss mit einer erfun­de­nen Geschich­te gefüllt wer­den. Manch­mal kön­nen wir sehr genau erken­nen, wo die Span­nung einer Kom­bi­na­ti­on liegt, ohne bereits zu wis­sen, war­um sie besteht.


Der Wagen → Der Gehängte: Vollgas bis zum Stillstand

Noch deut­li­cher wird die Lese­rich­tung bei zwei Gro­ßen Arkana:

Der Wagen → Der Gehängte

Der Wagen will vor­wärts. Er ver­lässt Bekann­tes und rich­tet sei­ne Kräf­te auf ein neu­es Ziel. Dabei geht es nicht nur um Bewe­gung, son­dern auch dar­um, unter­schied­li­che Impul­se so zu bün­deln, dass über­haupt eine gemein­sa­me Rich­tung entsteht.

Und unmit­tel­bar danach: Der Gehäng­te. Plötz­lich geht gar nichts mehr. Na, das lief ja her­vor­ra­gend. Der Gehäng­te bringt eine Unter­bre­chung in die Bewe­gung. Mit blo­ßem Wei­ter­ma­chen ist es nicht getan. Statt­des­sen wird ein ande­rer Blick auf die Situa­ti­on not­wen­dig. Etwas muss neu ver­stan­den oder anders bewer­tet wer­den, bevor sich wie­der etwas lösen kann.

Lesen wir von links nach rechts, ent­steht also: Auf­bruch → Still­stand. Ein Vor­ha­ben wird mit Schwung begon­nen und kommt anschlie­ßend nicht wei­ter. Viel­leicht wur­de etwas über­se­hen. Viel­leicht reicht der bis­he­ri­ge Lösungs­weg nicht aus. Viel­leicht muss sich erst die Sicht auf das Pro­blem verändern.

Nun dre­hen wir die Kar­ten gedank­lich um: Der Gehäng­te → Der Wagen Die­sel­ben Kar­ten. Aber nicht die­sel­be Geschich­te. Jetzt beginnt sie mit einer Pha­se, in der kei­ne Bewe­gung mög­lich ist. Erst nach­dem sich etwas ver­än­dert hat – mög­li­cher­wei­se gera­de die eige­ne Sicht­wei­se –, folgt der Wagen und bringt die Sache wie­der voran.

Aus »ich fah­re los und kom­me nicht wei­ter« wird »ich kom­me nicht wei­ter – und dann kommt Bewe­gung in die Sache.«

Des­halb ist die Lese­rich­tung kei­ne Nebensache.


Zehn der Münzen → Der Turm: Was genau trifft der Blitz?

Beson­ders inter­es­sant wird eine Kom­bi­na­ti­on, wenn die ers­te Kar­te der zwei­ten ihr The­ma liefert.

Zehn der Mün­zen → Der Turm

Bei der Zehn der Mün­zen geht es um etwas, das Bestand hat. Mate­ri­el­le Sicher­heit kann dazu­ge­hö­ren, eben­so Fami­lie, gewach­se­ne Ver­hält­nis­se, Ver­läss­lich­keit und das Gefühl, auf einem fes­ten Boden zu ste­hen. Gleich­zei­tig weist die Kar­te dar­auf hin, dass Reich­tum nicht nur aus Besitz besteht, son­dern auch in dem lie­gen kann, was im ver­trau­ten All­tag leicht über­se­hen wird.

Dann kommt der Turm. Er bringt einen Ein­schnitt. Etwas, das bis­lang fest­ge­fügt erschien, hält einer plötz­li­chen Ver­än­de­rung oder Erkennt­nis nicht stand. Dabei muss der Turm nicht aus­schließ­lich Zer­stö­rung bedeu­ten: Was auf­bricht, kann auch etwas sein, das längst zu eng oder unbe­weg­lich gewor­den ist.

Man könn­te nun sagen: Die Zehn der Mün­zen ist posi­tiv, der Turm nega­tiv. Also wider­spre­chen sie sich. Inter­es­san­ter ist aber eine ande­re Fra­ge: Was trifft der Blitz?

Viel­leicht gibt uns die lin­ke Kar­te dar­auf bereits eine Ant­wort. Die Sicher­heit. Das fami­liä­re Gefü­ge. Die finan­zi­el­len Ver­hält­nis­se. Eine eta­blier­te Lebens­ord­nung. Eine Bezie­hung, von deren Bestand man selbst­ver­ständ­lich aus­ge­gan­gen ist.

Dann ste­hen die Kar­ten nicht gegen­ein­an­der. Die Zehn der Mün­zen kann viel­mehr den Bereich beschrei­ben, in dem der Turm sei­ne Wir­kung ent­fal­tet. Und selbst in einer Bezie­hungs­fra­ge wäre Zehn der Mün­zen → Turm nicht auto­ma­tisch mit »Tren­nung« zu über­set­zen. Der Turm kann eine Ver­bin­dung tat­säch­lich erschüt­tern. Er kann aber eben­so etwas auf­bre­chen, das inner­halb die­ser Ver­bin­dung starr gewor­den ist, oder eine Distanz besei­ti­gen, hin­ter der man sich bis­lang ver­schanzt hat.

Zehn der Mün­zen → Turm heißt des­halb nicht auto­ma­tisch: Fami­lie kaputt.

Tarot darf gele­gent­lich etwas kom­pli­zier­ter sein als eine Boulevard-Schlagzeile.


Und was wäre mit Turm → Zehn der Münzen?

Genau hier zeigt sich erneut, war­um wir Kar­ten nicht ein­fach als unge­ord­ne­tes Paar behan­deln sollten.

Zehn der Mün­zen → Turm führt von etwas Gefes­tig­tem in einen Umbruch. Turm → Zehn der Mün­zen beginnt dage­gen mit der Erschüt­te­rung. Danach folgt eine Kar­te der Sicher­heit und des Bestandes.

Das kann eine völ­lig ande­re Ent­wick­lung beschrei­ben. Die Grund­be­deu­tun­gen bei­der Kar­ten haben sich nicht geän­dert. Aber die Rich­tung ihrer Bezie­hung zuein­an­der hat sich geän­dert. Das ist ein biss­chen wie: »Er hei­ra­te­te und kün­dig­te.« Und: »Er kün­dig­te und heiratete.«

Die­sel­ben Ereig­nis­se. Trotz­dem wür­de nie­mand behaup­ten, die Rei­hen­fol­ge sei für die Geschich­te voll­kom­men unerheblich.


Was macht die rechte Karte mit der linken?

Beim Lesen einer Kar­ten­fol­ge hilft des­halb eine ein­fa­che Fra­ge: Was geschieht mit der ers­ten Kar­te, wenn die zwei­te auf sie folgt?

Aus Ver­bin­dung wird Abschied: Zwei der Kel­che → Acht der Kel­che. Auf einen Auf­bruch folgt Still­stand: Wagen → Gehäng­ter. Etwas als sicher Erleb­tes gerät in einen Umbruch: Zehn der Mün­zen → Turm. Und auf die Hel­lig­keit der Son­ne folgt die bedrück­te Gedan­ken­welt der Neun der Schwerter.

Damit begin­nen wir, die Kar­ten nicht mehr nur als ein­zel­ne Sym­bo­le zu betrach­ten, son­dern als Bewe­gung. Das bedeu­tet aller­dings nicht, dass jede Kar­ten­kom­bi­na­ti­on auto­ma­tisch eine zeit­li­che Abfol­ge beschreibt. Wenn ein Lege­sys­tem fes­te Posi­tio­nen vor­gibt – etwa Gefüh­le, Absich­ten und Ver­hal­ten –, müs­sen die­se Posi­tio­nen selbst­ver­ständ­lich berück­sich­tigt werden.

Eine Zwei der Kel­che auf »Gefüh­le« und eine Acht der Kel­che auf »Ver­hal­ten« erzäh­len etwas ande­res als die­sel­ben bei­den Kar­ten in einer frei­en Rei­he. Des­halb ste­hen über jeder Kom­bi­na­ti­on wei­ter­hin zwei Fra­gen: Was wur­de gefragt? Und: Wel­che Auf­ga­be haben die Kar­ten an ihrer jewei­li­gen Position?


Widerspruch oder Spannung?

Viel­leicht ist »Wider­spruch« des­halb häu­fig schon das fal­sche Wort. Zwei Kar­ten kön­nen unter­schied­li­che Din­ge zei­gen, ohne dass eine davon falsch sein muss. Ein Mensch kann sich ver­bun­den füh­len und trotz­dem gehen. Etwas kann gut lau­fen und trotz­dem Angst aus­lö­sen. Ein schwung­vol­ler Beginn kann ins Sto­cken gera­ten. Etwas, das lan­ge sicher erschien, kann plötz­lich erschüt­tert werden.

Das wirk­li­che Leben ist schließ­lich eben­falls vol­ler sol­cher ver­meint­li­chen Wider­sprü­che. War­um soll­te Tarot aus­ge­rech­net dort ein­di­men­sio­nal wer­den? Pro­ble­ma­tisch wird es viel­mehr, wenn wir eine Kar­te so lan­ge ver­bie­gen, bis der Gegen­satz ver­schwun­den ist.

Wenn die Neun der Schwer­ter neben der Son­ne plötz­lich eben­falls nur noch etwas Posi­ti­ves bedeu­ten darf, brau­chen wir die Neun der Schwer­ter nicht mehr. Wenn der Turm neben der Zehn der Mün­zen kei­nen Umbruch mehr anzei­gen darf, haben wir auch ihm sei­ne Bedeu­tung genommen.

Eine gute Kom­bi­na­ti­on muss die Span­nung zwi­schen den Kar­ten nicht beseitigen.

Sie ver­sucht zu ver­ste­hen, was die­se Span­nung aussagt.


Welche Karte hat denn nun recht?

Bei­de. Zumin­dest solan­ge wir sie nicht gegen­ein­an­der aus­spie­len. Die rech­te Kar­te kann die lin­ke wei­ter­füh­ren. Sie kann zei­gen, was dar­aus ent­steht. Sie kann ihr The­ma kon­kre­ti­sie­ren oder deut­lich machen, wel­cher Teil einer Situa­ti­on sich verändert.

Und manch­mal zei­gen zwei Kar­ten tat­säch­lich zwei Din­ge, die gleich­zei­tig wahr sind. Des­halb lau­tet die ent­schei­den­de Fra­ge bei einer schein­bar wider­sprüch­li­chen Kom­bi­na­ti­on nicht: »Wel­che Kar­te ist stär­ker?« Son­dern: »Was geschieht von der lin­ken Kar­te zur rechten?«

Dann wer­den aus zwei ein­zel­nen Kar­ten lang­sam eine Aus­sa­ge und aus meh­re­ren Aus­sa­gen eine Geschich­te. Und genau dort pas­siert wie­der das, wor­um es beim Tarot eigent­lich geht: Wir hören auf, Kar­ten nur zu ken­nen. Und begin­nen, sie zu lesen.

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